Die kurze Antwort: Bei der Prüfung nach EN 1143-1 greifen Fachleute den Tresor mit echtem Werkzeug an. Gemessen wird nicht in Minuten, sondern in Widerstandseinheiten, kurz RU. Das ist eine Rechengröße aus benötigter Zeit und eingesetztem Werkzeug: Ein Winkelschleifer zählt anders als ein Kuhfuß. Jeder Widerstandsgrad hat zwei Werte, einen für ein handgroßes Loch und einen für das vollständige Öffnen.

Warum nicht in Minuten gemessen wird

Eine Minutenangabe wäre wertlos, weil sie nichts über das Werkzeug sagt. Zehn Minuten mit einem Schraubendreher und zehn Minuten mit einem Kernbohrgerät sind zwei verschiedene Welten.

Die Norm löst das über einen Rechenwert. In die Widerstandseinheit gehen zwei Dinge ein:

  • Die Zeit, die der Angriff tatsächlich dauert.
  • Ein Beiwert für das Werkzeug, der aufwendige, schwere und auffällige Geräte höher bewertet.

So bekommt ein Tresor, den man nur mit Trennschleifer und Stromanschluss öffnet, einen höheren Wert als einer, der nach derselben Zeit mit dem Brecheisen aufgeht. Das entspricht der Wirklichkeit: Wer Strom, Lärm und Zeit braucht, wird eher gestört.

Teilzugriff und Vollzugriff

Jeder Grad hat zwei Zahlen, und der Unterschied ist wichtig.

Teilzugriff ist eine handgroße Öffnung. Sie reicht, um hineinzugreifen und Schmuck, Bargeld oder Umschläge herauszuholen. Für einen Täter ist das oft schon das Ziel.

Vollzugriff heißt, dass die Tür offen ist oder ein Loch entstanden ist, durch das der gesamte Inhalt passt. Das dauert deutlich länger.

Deshalb ist der kleinere Wert der ehrlichere: Er sagt, wie lange dein Schmuck sicher ist, nicht wie lange die Aktenordner sicher sind.

Die Grade und ihre Werte

GradTeilzugriffVollzugriffÜblicher Einsatz
0 (auch N)30 RU30 RUEinstieg im Privathaushalt
I30 RU50 RUStandard privat, Schmuck und Bargeld
II50 RU80 RUSammlungen, höhere Werte
III80 RU120 RUgewerblich üblich, sehr hohe Werte
IV120 RU180 RUJuweliere, Spezialfälle
V180 RU270 RUHochsicherheit
VI270 RU400 RUBanken, Verwahrung

Bei Grad 0 sind beide Werte gleich: Die Klasse unterscheidet noch nicht zwischen Hineingreifen und Aufmachen.

Welche Klasse zu welcher Versicherungssumme gehört, steht in Sicherheitsstufen.

Was sonst noch geprüft wird

Die Norm prüft nicht nur die Wand, sondern das ganze System. Angegriffen wird dort, wo es am leichtesten geht, und das ist selten die Mitte einer Fläche:

  • Die Tür und ihr Falz. Der Spalt zwischen Tür und Korpus ist der klassische Angriffspunkt für Hebelwerkzeug.
  • Das Schloss und der Riegelweg. Das Schloss muss zur Klasse passen und wird nach einer eigenen Norm geprüft: Tresorschlösser.
  • Die Verankerungspunkte. Ein Wertschutzschrank unter einem bestimmten Gewicht muss verankerbar sein, und die Verankerung selbst ist Teil der Prüfung.
  • Die Bauteile, die aussen liegen: Scharniere, Griff, Rosette.

Was die Norm nicht sagt

Drei ehrliche Einschränkungen, die man kennen sollte:

Sie sagt nichts über Feuer. Widerstandsgrad und Feuerklasse sind zwei getrennte Prüfungen. Ein Gerät kann beides tragen, dann stehen beide Angaben auf dem Typenschild: Feuerschutzklassen.

Sie sagt nichts über Wasser. Dafür gibt es überhaupt keine vergleichbare Norm: Wasserdichter Tresor.

Sie gilt für den Zustand ab Werk. Wer nachträglich bohrt, ein Kabel durchführt oder das Schloss tauschen lässt, kann die Zertifizierung entwerten. Das betrifft in der Praxis vor allem Stromdurchführungen für Innenbeleuchtung und Uhrenbeweger: Uhrentresor.

Zwei Geräte mit gleicher Klasse sind gleich gut

Das ist die wichtigste praktische Folge und der Grund, warum es keine Bestenliste gibt: Eine Norm kennt kein besser oder schlechter innerhalb einer Klasse. Zwei Schränke mit Grad 1 haben beide 30 und 50 RU bestanden.

Was sie unterscheidet, steht nicht im Zertifikat, sondern in den Zahlen des Datenblatts: Wandstärke, Gewicht je Volumen, Innenraum, Ausstattung. Wie du damit rechnest: Feuerfeste Tresore vergleichen.

Wer prüft

Die Prüfung macht kein Hersteller selbst. Sie läuft in akkreditierten Instituten, und die Zertifizierung übernehmen anerkannte Stellen. In Deutschland sind das vor allem die VdS Schadenverhütung in Köln und die ECB-S in Frankfurt. Woran du ein echtes Zertifikat erkennst und wie du es prüfst: VdS und ECB-S.